Regionaler Schwerpunkt ·
Würzburg, Lohr, Bad Kissingen, Miltenberg, Aschaffenburg — fünf Orte, fünf Überlieferungen aus dem Herzen Unterfrankens.
Würzburg, Unterfranken
Auf dem steilen Pilgerweg hinauf zur Wallfahrtskirche Käppele soll sich in der Stunde vor dem Morgengrauen eine Gestalt zeigen, die lautlos neben den Aufsteigenden hergeht — bis zur letzten Stufe, wo sie innehält und nicht weitergeht.
Lohr am Main, Spessart
In den Gewässern um Lohr am Main soll seit Jahrhunderten ein kindliches Wesen hausen, das in den Abendstunden am Mühlenwehr sitzt und die Beine ins Wasser hängen lässt — stumm, reglos, mit Augen von der Farbe des winterlichen Mains.
Bad Kissingen, Unterfranken
Wer in der Nacht des Johannisfestes an der alten Saline vorübergeht und stehen bleibt, der soll seit alters her einen Salzgeschmack auf den Lippen spüren, der tagelang nicht vergeht — und mit ihm eine Unruhe, die keine Ursache findet.
Miltenberg, Unterfranken
Tief im Stadtwald oberhalb von Miltenberg steht ein moosbedeckter Felsblock, dem seit dem Mittelalter nachgesagt wird, er sei einmal eine Frau gewesen — und dass er an bestimmten Abenden des Jahres die Augen bewegt.
Aschaffenburg, Unterfranken
In Aschaffenburg berichten Frühaufsteher und Nachtschwärmer seit dem Dreißigjährigen Krieg von einem Reiter, der in der Dämmerung über das Kopfsteinpflaster des alten Brückenbereichs reitet — lautlos, und ohne Schatten zu werfen.
„Das Unheimliche braucht keine laute Stimme. Es genügt, wenn man es ahnt."
— Schattenpfade Archiv · UnterfrankenAuf dem steilen Pilgerweg hinauf zur Wallfahrtskirche Käppele soll sich in der Stunde vor dem Morgengrauen eine Gestalt zeigen, die lautlos neben den Aufsteigenden hergeht — bis zur letzten Stufe, wo sie innehält und nicht weitergeht.
Seit den frühen Jahren des 18. Jahrhunderts berichten Pilger und Nachtschwärmer von einer hageren Männerfigur auf dem treppengesäumten Weg zur Wallfahrtskirche. Die Erscheinung soll in altertümlichem dunklen Gewand gekleidet sein und einen schwachen Geruch von Weihrauch und feuchtem Stein hinterlassen. Nie habe sie gesprochen, doch mehrere Zeugen wollen ein kaum hörbares Murmeln wahrgenommen haben — als rezitiere jemand einen lateinischen Text auswendig.
Der Volksüberlieferung nach soll es sich um den Geist eines Baumeisters handeln, der beim Bau der Treppenanlage unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen sei. Sein Name findet sich in keinem Kirchenbuch; lediglich ein verwitterter Stein am unteren Treppenabsatz trägt die Initialen J.F.K. und die Jahreszahl 1748. Die Herkunft dieser Inschrift war dem Stadtarchiv bis zuletzt unbekannt.
Was die Begegnungen bemerkenswert macht, ist ihre Regelmäßigkeit: Stets wird die Gestalt nur von Einzelpersonen wahrgenommen, nie von Gruppen. Ob dies etwas über die Natur der Erscheinung verrät oder lediglich die Eigenart menschlicher Wahrnehmung in einsamen Nachtstunden widerspiegelt, vermag diese Aufzeichnung nicht zu entscheiden.
Der Mann war da, das schwöre ich, und doch als ich mich umdrehte war nichts als die Stufen und der Morgenwind.
— Reisetagebuch eines unbekannten Augsburger Kaufmanns, ca. 1791Aufnahme eines Nachtwächters auf dem Treppenaufstieg. Die Gestalt war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht sichtbar — sie zeigte sich erst auf dem entwickelten Foto.
— Anonymes Bildmaterial, eingereicht Oktober 2023
Wanderin berichtete von einer Begleitung auf dem Aufstieg, die bei der obersten Plattform nicht mehr auffindbar war. Kein Geräusch, kein Abgang.
— Anonyme Meldung, Würzburg
Fotograf stellte auf Langzeitbelichtung einen elongierten Schatten auf der Treppe fest, der keiner anwesenden Person zugeordnet werden konnte.
— T. Brandt, Würzburg
Zwei Ordensfrauen berichteten unabhängig voneinander von einem Weihrauchgeruch auf dem Weg, obwohl an dem Abend keine Messe gehalten worden war.
— Chronik des Klosters, Eintrag Oktober 1987
In den Gewässern um Lohr am Main soll seit Jahrhunderten ein kindliches Wesen hausen, das in den Abendstunden am Mühlenwehr sitzt und die Beine ins Wasser hängen lässt — stumm, reglos, mit Augen von der Farbe des winterlichen Mains.
Die ältesten Aufzeichnungen über das sogenannte Mühlenkind stammen aus einem Rechenbuch der Stadtmüllerei Lohr aus dem Jahr 1563, in welchem ein Müllersgeselle vermerkt, er habe die Arbeit am Abend eingestellt, weil das Kind am Wehr wieder gesessen habe und er nicht habe vorbeigehen wollen. Der Eintrag findet sich ohne weitere Erläuterung zwischen gewöhnlichen Arbeitslisten.
Dem Volksglauben zufolge handelt es sich um den Geist eines Mädchens, das im Zuge eines Hochwassers im Winter 1541 ertrunken sein soll. Das Kind, dessen Namen die Chroniken nicht überliefern, habe der Überlieferung nach täglich auf den heimkehrenden Vater gewartet — einen Flößer, der an jenem Abend nicht zurückkehrte. Seither, heißt es, warte es noch.
Bemerkenswert ist, dass die Erscheinung niemals als bedrohlich geschildert wird. Wer das Mühlenkind bemerkt, spürt dem Bericht nach lediglich eine eigentümliche Schwere, ein unbestimmtes Gefühl von Vergeblichkeit. Einige Spessartbewohner legen noch heute kleine Gaben — eine Handvoll Nüsse, ein Stückchen Brot — ans Wehr, ohne dass sich jemand erklären könnte, seit wann dieser Brauch besteht.
Das Kind sitzt und wartet. Es hat immer gewartet. Fragt nicht, worauf.
— Spessartsagen, gesammelt von Pfarrer H. Vögelein, Lohr 1879Fischer berichtete von einer kleinen sitzenden Silhouette am alten Wehr, die bei näherer Betrachtung nicht mehr vorhanden war. Das Wasser um den Stein sei ungewöhnlich ruhig gewesen.
— K. Hofmann, Lohr am Main
Spaziergängerin fand am Mühlenwehr frische Brotstücke, obwohl der Weg seit dem frühen Morgen unbenutzt gewesen sein soll.
— Anonyme Meldung
Wer in der Nacht des Johannisfestes an der alten Saline vorübergeht und stehen bleibt, der soll seit alters her einen Salzgeschmack auf den Lippen spüren, der tagelang nicht vergeht — und mit ihm eine Unruhe, die keine Ursache findet.
Die Saline von Bad Kissingen war im Mittelalter von erheblichem wirtschaftlichem Gewicht, und mit ihr verband sich ein Geflecht aus Privilegien, Streitigkeiten und — der Überlieferung nach — einer Verfluchung, die im Jahr 1441 ihren Ursprung genommen haben soll. Ein Salzknecht namens Wendelin Haas soll nach einem Rechtsstreit um ausstehenden Lohn öffentlich einen Fluch über die Stätte ausgesprochen haben, bevor er die Stadt verließ und nicht mehr gesehen wurde.
In den Ratsprotokollen der Stadt findet sich unter dem Datum des 23. Juni 1441 lediglich der knappe Eintrag: 'Haas fortgegangen, Sache beigelegt.' Was die Sache war und wie sie beigelegt wurde, ist nicht vermerkt. Seither trägt die Überlieferung, wer an jenem Johannisabend an der alten Stätte verweile, nehme etwas von dort mit, das sich nicht benennen lasse.
Kurgäste des 19. Jahrhunderts berichteten gelegentlich in den Kurblättern von einem seltsamen mineralischen Nachgeschmack nach abendlichen Spaziergängen entlang der Saale — was die Redaktionen in der Regel auf die Heilwässer der Region zurückführten. Ob zu Recht, sei dahingestellt.
Der Geschmack des Salzes verläßt mich nicht, obwohl ich seit drei Tagen kein solches zu mir genommen habe. Ich werde Bad Kissingen morgen verlassen.
— Kurtagebuch eines Frankfurter Bankiers, Sommer 1863Besucherin meldete nach einem Abendspaziergang an der alten Saline anhaltenden Salzgeschmack ohne medizinischen Befund. Der Hausarzt fand keine Erklärung.
— Anonyme Meldung, Bad Kissingen
Lokaler Historiker notierte in seinem Forschungstagebuch den Salzgeschmack und eine 'nicht zu beschreibende Melancholie' nach dem Johannisabend — ohne es näher zu kommentieren.
— Privataufzeichnung, freigegeben 2023
Tief im Stadtwald oberhalb von Miltenberg steht ein moosbedeckter Felsblock, dem seit dem Mittelalter nachgesagt wird, er sei einmal eine Frau gewesen — und dass er an bestimmten Abenden des Jahres die Augen bewegt.
Der Fels, von den Miltenbergern seit alters 'die Stumme' genannt, ist eine unscheinbare Sandsteinformation unweit eines alten Forstweges. Keine offizielle Karte verzeichnet ihn unter diesem Namen; die Bezeichnung lebt allein im mündlichen Gedächtnis der Alteingesessenen fort. Die früheste schriftliche Erwähnung findet sich in einem Streitbrief zweier Klöster aus dem Jahr 1389, in welchem beiläufig auf einen 'Stein am Weib-Weg' verwiesen wird.
Der Sage nach soll eine Frau aus dem Ort verflucht worden sein, nachdem sie jemanden verraten hatte — die Überlieferung ist in diesem Punkt absichtlich unscharf, wie es ihre Art ist. Sie sei versteinert worden und stehe nun dort, unfähig zu sprechen, aber keineswegs taub. Wer sich dem Fels nähere und spreche, so heißt es, solle eine leichte Vibration im Stein wahrnehmen können, als lausche er.
Dass der Fels 'die Augen bewegt', ist ein Motiv, das erst seit dem 17. Jahrhundert in den Berichten auftaucht. Zuvor war lediglich vom Lauschen die Rede. Ob die Geschichte wächst oder ob die Beobachtungen zugenommen haben, ist nicht zu entscheiden — möglicherweise ist es dasselbe.
Der Stein ist kalt aber er ist nicht tot. Das sage ich als einer, der ihn kennt.
— Aussage eines Forstarbeiters, protokolliert in der Miltenberger Ortschronik, 1921Wanderpaar berichtete von einer Vibration im Fels beim Berühren, die sie zunächst auf Erschütterungen im Boden zurückführten. Weitere Geräuschquellen waren nicht auffindbar.
— M. und J. Kern, Miltenberg
Forstarbeiterin beschrieb, den Fels aus dem Augenwinkel 'lebendig' gesehen zu haben — beim direkten Hinschauen war er unverändert.
— Anonyme Meldung, Forstamt Miltenberg
Schulausflug: Drei Schüler behaupteten unabhängig voneinander, der Fels habe sich leicht erwärmt, obwohl die Lufttemperatur deutlich unter dem Gefrierpunkt lag.
— Schulchronik, Miltenberg 1998/99
In Aschaffenburg berichten Frühaufsteher und Nachtschwärmer seit dem Dreißigjährigen Krieg von einem Reiter, der in der Dämmerung über das Kopfsteinpflaster des alten Brückenbereichs reitet — lautlos, und ohne Schatten zu werfen.
Die erste schriftliche Erwähnung einer Reitererscheinung in Aschaffenburg findet sich in einem Brief des Stadtschreibers Johann Ehrmann an den Bischof von Mainz aus dem Jahr 1638, in welchem Ehrmann berichtet, die Bürger seien beunruhigt durch 'einen Reisigen zu Pferde, der des Morgens gesehen wird und keinem bekannt ist'. Der Brief bittet um Anweisung, was mit dergleichen Gerüchten zu geschehen habe. Eine Antwort ist nicht überliefert.
Der Volksüberlieferung nach handelt es sich um einen Boten, der während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges eine Nachricht überbringen sollte, die er nie zugestellt hat. Was die Nachricht enthielt und wohin sie hätte gehen sollen, ist vollständig in Vergessenheit geraten. Nur der Bote selbst, so heißt es, habe es nicht vergessen — und reite daher noch.
Das Merkmal des fehlenden Schattens ist in allen Berichten konstant, was Volkskundler auf die Dämmerungssituation zurückführen, in der die Erscheinung stets beschrieben wird. Andere lassen diese Erklärung nicht gelten — Schatten, so ihr Argument, wirft man auch in der Dämmerung.
Ich sah Pferd und Mann, hörte nichts, und als die Sonne stieg, war kein Schatten zu sehen. Kein Schatten. Das ist das einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann.
— Aussage eines Fuhrmanns, Aschaffenburger Stadtprotokoll, 1701Jogger meldete in der Morgendämmerung einen Reiter auf dem alten Pflaster, der bei näherer Betrachtung verschwunden war. Keine Hufgeräusche gehört.
— Anonyme Meldung, Aschaffenburg
Taxifahrer beobachtete in der Morgenstunde eine Gestalt zu Pferd, die durch einen beleuchteten Bereich ritt, ohne einen Schatten auf dem Boden zu erzeugen.
— P. Diehl, Aschaffenburg
Zeitungsbericht erwähnt beiläufig eine 'alte Sage über einen kopflosen Reiter' — tatsächlich ist die Gestalt aber stets mit Kopf beschrieben worden.
— Main-Echo, März 1974